Lehre mich tun nach deinem Wohlgefallen, denn du bist mein Gott; dein guter Geist führe mich auf ebner Bahn. (Psalm 143,10)


Vom Schlaf der Kirche

Predigt am 13.3.2022 über Markus 14,32-42 - von Pfr. Gerd Krumbiegel
 
Liebe Gemeinde,

es heißt, der Kirchenschlaf sei der gesün­deste. Ob es eine wissenschaftliche Unter­suchung dazu gibt, wüsste ich gern, und natürlich auch, warum ein Schlaf in der Kirche auf den wenig komfortablen Bänken so gesund sein soll. Wir müssen das für heute offenlassen. - Allerdings gibt es auch einen gefährlichen Schlaf. Von dem berichtet Albert Schweizer vor gut einhundert Jahren folgendes:
  „Ihr wisst“, schreibt er, „Ihr wisst, dass im Innern von Afrika die Schlafkrankheit herrscht. Zuerst werden die Leute ein klein wenig matt, dann immer mehr und mehr, bis sie zuletzt immer wieder schlafend daliegen und an Entkräftung sterben.
    Der berühmte Professor Koch aus Berlin war vor eineinhalb Jahren in jenen Gegenden, um die Schlafkrankheit zu studieren und entdeckte die Anfänge des Übels an vielen, die ihn deshalb auslachten und sagten, sie fühlten sich ganz wohl, und er wusste doch ganz sicher, dass sie schon angesteckt waren, und bedauerte, dass sie sich nicht in Pflege begeben wollten. Und so,
schreibt Albert Schweizer weiter, und so gibt es auch eine Schlafkrankheit der Seele, bei der die Hauptgefahr ist, dass man sie nicht kommen fühlt; darum müsst ihr auf euch achten.“(1)

  Liebe Gemeinde, von einer Schlafkrankheit der Seele erzählt auch unser heutiger Predigttext; ein Schlaf, der die Jünger zur Unzeit übermannt, als ihr Herr und Meister sie am meisten brauchte. In Markus 14 heißt es:
   Und sie kamen zu einem Garten mit Namen Gethsemane. Und er sprach zu seinen Jüngern: Setzt euch hierher, bis ich gebetet habe. Und er nahm mit sich Petrus und Jakobus und Johannes und fing an zu zittern und zu zagen und sprach zu ihnen: Meine Seele ist betrübt bis an den Tod; bleibt hier und wachet!
   Und er ging ein wenig weiter, warf sich auf die Erde und betete, dass, wenn es möglich wäre, die Stunde an ihm vorüberginge, und sprach: Abba, mein Vater, alles ist dir möglich; nimm diesen Kelch von mir; doch nicht, was ich will, sondern was du willst!
  Und er kam und fand sie schlafend und sprach zu Petrus: Simon, schläfst du? Vermochtest du nicht, "eine" Stunde zu wachen? Wachet und betet, dass ihr nicht in Versuchung fallt! Der Geist ist willig; aber das Fleisch ist schwach.
   Und er ging wieder hin und betete und sprach dieselben Worte und kam zurück und fand sie abermals schlafend; denn ihre Augen waren voller Schlaf, und sie wussten nicht, was sie ihm antworten sollten.
   Und er kam zum dritten Mal und sprach zu ihnen: Ach, wollt ihr weiter schlafen und ruhen? Es ist genug; die Stunde ist gekommen. Siehe, der Menschensohn wird überantwortet in die Hände der Sünder. Steht auf, lasst uns gehen! Siehe, der mich verrät, ist nahe. -
Der Herr segne an uns sein Wort. Amen.

Liebe Gemeinde,
das ist eine ergreifende Szene. Der ringende und zitternde Herr auf der einen Seite und die fast sorglos schläfrigen Jünger auf der anderen Seite.
   Viele Wege bieten sich beim Nachdenken über diese Geschichte an. So zum Beispiel Jesu Ringen mit seinem weiteren Weg, die Bitte an Gott, das Leid abzuwenden und dann doch die Einwilligung in Gottes Willen, ja, die freiwillige Hingabe seines Lebens. Noch könnte Jesus ohne Mühe entkommen, aber er tut das, was er von seinen Jüngern erbittet, er bleibt, er wacht, er betet.
    Und während er das tut, schlafen die Jünger und können ihre Augen nicht offen halten. Sie liegen da wie weggetreten, ausge­stiegen aus der beklemmenden Wirklichkeit, der Versuchung des Schlafes erlegen. Und so versäumen sie jene entscheidenden Minuten, um die Christus sie gebeten hat. Sonst ist Jesus ja oft allein weggegangen um an einem einsamen Orte zu beten, hier hätte er die Verbundenheit seiner Leute gebraucht. - Sinnen wir also nach über die Versuchung des Schlafes; eine Versuchung, die allen Jüngern gilt, auch uns.
   Interessant ist, dass der Schlaf der Jünger jedes Mal leicht unterschiedlich beschrieben wird. Es gibt also verschiedene Arten des Schlafes. Als Jesus das erste Mal von seinem Gebet zurückkommt, da heißt es speziell an Petrus gerichtet: Simon, schläfst du? Vermochtest du nicht eine Stunde zu wachen? Wachet und betet, dass ihr nicht in Versuchung fallt! Der Geist ist willig; aber das Fleisch ist schwach.
  Darin lässt sich der Schlaf als Ausflucht erkennen. Im Schlaf vergessen wollen, was Jesus Unheilvolles angekündigt hat. Die belastende Atmosphäre des drohenden Abschieds wegschlafen wollen und dann aufwachen wollen und alles ist wieder gut. Der Schlaf also wie eine erholsame Nische, wie eine Flucht in die Welt der Träume, so wie die Jünger kurz darauf auch im ganz wortwörtlichen Sinne fliehen werden.
   Das kennen wir auch: Die Flucht in den Schlaf. Flucht wenn wir einer Sache überdrüssig geworden sind; im November wollten manche am Liebsten in einen Winterschlaf fallen um das dunkle halbe Jahr mit all den Corona-Einschränkungen einfach zu verschlafen; Schlaf als ein Ausweichen – persönlich, aber auch als Kirche. Wie gehen wir als Kirche und Gemeinde mit berechtigter Kritik um? Ist da nicht oft die Versuchung, etwas einfach auszusitzen; die Augen zu verschließen, als sei es nicht da und zu hoffen, es wird sich schon von selbst erledigen; die Versuchung all das im Schlaf einfach abzuschütteln.
  Christus sagt: Bleibt hier und wachet mit mir; wachet und betet! Bei ihm ist Aushalten statt Ausflucht; Wahrnehmen statt Wegsehen; Beten statt Beschwichtigen.
  Als Jesus zum zweiten Mal gebetet hatte, heißt es: und er kam zurück und fand sie abermals schlafend; denn ihre Augen waren voller Schlaf, und sie wussten nicht, was sie ihm antworten sollten.
   Wieder eine andere Form des Schlafes: Das Wort, das hier für Schlaf verwendet wird, wird auch für geistige Trägheit, sogar für den Todesschlaf gebraucht. Die Jünger schlafen und – so wörtlich – ihre Augen waren schwer. Sie können die Augen einfach nicht offenhalten; bleiben ganz bei sich. Während also einer der Jünger, nämlich Judas, die Augen offen hat, um seinen Verrat auszu­füh­ren und Jesus mit den Soldaten aufzuspüren, da fallen den Freunden Jesu die Augen zu. Und als er sie zur Rede stellen will, da wussten sie nicht, was sie ihm antworten sollten.
  Dieser Schlaf ist ein geistiger bzw. geistlicher Schlaf, ein Schlaf, der verhindert, dass man die Zeichen der Zeit erkennt; ein Schlaf, der einen anwesend doch abwesend sein lässt. Auch diesen Schlaf gibt es bei uns: Er äußert sich als ein Halbschlaf, der nur mit einem Auge hinsieht, ein Schlaf mit dem Kirche politischen Maßgaben folgt, ohne zu kritisieren; wo Kirche sich der Rettung des Lebens auf dem Mittelmeer widmet, ohne in gleicher Weise klar und hörbar aufzutreten, wenn §219a gekippt wird, der es möglich macht, das bei Frauenärzten Hinweise ausliegen, die einen Schwangerschafts­abbruch innerhalb von 24 Stunden bei Wohlfühlatmosphäre(3) anbieten; es ist dieser Halbschlaf einer Kirche, die sich einseitig und wenig kritisch einer Impfkampagne anschließt ohne in gleicher Intensität darauf zu achten, dass die, die aus welchem Grund auch immer nicht geimpft sind, nicht auf der Strecke bleiben und gegen deren Stigmatisierung(4) eintritt: und er kam zurück und fand sie abermals schlafend; denn ihre Augen waren voller Schlaf, und sie wussten nicht, was sie ihm antworten sollten.
   Christus sagt: Wachet und betet, dass ihr nicht in Versuchung fallt; in Versuchung, euch die Mehrheitseinung auf die Fahne zu schreiben, in Versuchung durch Tun des Guten euch Liebkind zu machen; in Versuchung um ein paar Mitglieder mehr zu halten, das Wort des Protestes lieber runterzuschlucken. Christus spricht: bleibet, wachet mit mir und betet.
  Noch eine dritte Form des Schlafes: Und er kam zum dritten Mal und sprach zu ihnen: Ach, wollt ihr weiter schlafen und ruhen? Es ist genug; die Stunde ist gekommen.
  Dieser Schlaf ist ein Schlaf der Sicherheit. Die Jünger ruhen sich aus, weil sie wissen, dass Jesus in der Nähe ist. Mehr als einmal hat er sie aus brenzligen Situationen raus­gehauen: Das wird doch auch diesmal klappen! Auch diesen Schlaf kennen wir als Gemeinde und als Kirche, nach dem Muster: „Uns gibt es doch nun schon 2000 Jahre. Da kann uns so ein Rückgang der Zahlen nichts anhaben. Die Kirchensteuereinnahmen kommen ja verläss­lich, also keine unnötigen Veränderungen. Es wird schon weitergehen.“ Sich zurücklehnen und sich seiner Sache zu sicher sein: Dieser Schlaf der Selbstgenügsamkeit und Selbstbe­schäftigung, dieser Schlaf ist trügerisch. Als Jesus zu seinen Jüngern kommt, sagt er unter anderem ein schwer übersetzbares Wort: „Es ist genug!“ Wir können auch übersetzen mit: „Es ist vorbei!“ Mit anderen Worten: Es ist zu spät; nun ist es zu spät um zu wachen, da kommen schon die Häscher und überrum­peln euch im Schlaf. Wachen und beten, heißt hier: An Gottes Wort zu blieben, sich daran auszurichten und zu fragen: Was heißt das jetzt konkret für mich? Warum sind wir hier? Warum stellt Gott uns gerade vor diese Schwierigkeit und vor dieses Dunkel?
  Und: Unsere Geschichte hat auch eine tröst­liche Seite: Jesus weckt uns, wenn wir einge­schla­fen sind. Welcher Schlaf auch immer uns befallen hat: Schlaf als Ausflucht, der geistliche Schlaf oder der Schlaf der Sicherheit. Jesus gibt uns mehr als eine Chance wieder wach zu werden. Er möchte, dass wir vom Schlaf aufstehen.
  Wie das gehen kann, auch davon schreibt Albert Schweitzer: „So gibt es auch eine Schlafkrankheit der Seele, bei der die Hauptgefahr ist, dass man sie nicht kommen fühlt; darum müsst ihr auf euch achten. Und so wie ihr die geringste Gleichgültigkeit an euch merkt, so wie ein gewisser Ernst, die Sehnsucht und die Begeisterungsfähigkeit in euch abnimmt, dann müsst ihr über euch erschrecken und euch klarwerden, dass das davon kommt, dass eure Seele Schaden gelitten hat.“(1)
  Drei Gegenmaßnahmen nennt Albert Schweit­zer: a) „Darum müsst ihr auf euch achten.“ Mit Jesus gesprochen: Wachet mit mir! Seid sensibel für die Symptome der Krankheit und sucht meine Nähe.
   Hinzu kommt b) ein heilsames Erschrecken; erschrecken über die eigene Gleichgültigkeit und Bequemlichkeit, ja Lustlosigkeit, die sich im eigenen Glaubensleben eingeschlichen haben. Mit Jesus gesprochen: bleibet hier! Erinnert euch, wie euer Glaube einst Feuer fing und bleibt in dieser ersten Liebe!
   Und der dritte Schritt ist, c) den eigenen Zustand nicht zu leugnen, sondern sich bei ihm, dem Arzt der Seele in Pflege zu begeben. Er, der aus Blinden Sehende macht und aus Lahmen Gehende; er, für den unsere Karfrei­tage nicht das Letzte sind, sondern der sie zu wandeln vermag in das Licht des Ostermorgens; der wird auch mit unserer Glaubensmüdigkeit fertig. Mit Christus gesprochen: betet, dass ihr nicht in Versuchung fallt.
    Ja, es gibt eine Schlafkrankheit der Seele, die, wenn sie unbehandelt bleibt, zum geistlichen Tod führt, Christus aber weckt uns und seine Kirche; er will aufgeweckte Christen. Darum spricht ER: Bleibet hier, wachet mit mir und betet!
   Amen.

Verwendete Literatur: (1) Wolfgang Raible: Eine Kur gegen die Schlafkrankheit der Seele (Abwehrkräfte gegen die Bequemlichkeit und Oberflächlichkeit mobilisieren), in: Ders. 100 Kurzansprachen. Treffsichere Impulse für Gottesdienst und Gemeindearbeit, Herder 2009., S. 64f. (2) Joachim Gnilka Evangelisch-Katholischer Kommentar zum Neuen Testament II/2. Das Evangelium nach Markus (Mk 8,27 - 16,20), S. 255-266. (3) ARD Tagesschaubeitrag vom 9.3.22: https://www.tagesschau.de/multimedia/video/video-1000215.html (letztes Abrufdatum 15.3.22). (4) Siehe hierzu den äußerst aufschlussreichen Artikel von Prof. theol. Rochus Leonhardt: Demokratieunfähigkeit reloaded? Wider die aufdringliche "Impffrömmigkeit" in den Landeskirchen der EKD, https://zeitzeichen.net/node/9543 (letztes Abrufdatum: 15.3.22)

Ev.-Luth. Kirchgemeinde Großschönau 
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Pfarrerin Christin Jäger
Tel.: 0162 573 9970
Mail: Christin.Jaeger@evlks.de
Sprechzeit: montags 14.00-15.00 Uhr
in Hainewalde auf der Bergstraße 27
 
Öffnungszeiten des Pfarramtes
Großschönau, Hauptstraße 55: Di. und Do. 8.30 – 12.00 Uhr
und 14.00 – 17.30 Uhr
Hainewalde, Bergstr. 27: Montag 15.00 – 17.00 Uhr
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Waltersdorf Dorfstraße 75: Mittwoch 14.30 – 16.30 Uhr

Friedhofsangelegenheiten Hainewalde: Herr Andreas Großer Montags 15.00-17.00 Uhr im Hospital, am Kirchberg 6, in Hainewalde

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