Lehre mich tun nach deinem Wohlgefallen, denn du bist mein Gott; dein guter Geist führe mich auf ebner Bahn. (Psalm 143,10)


Von einem Vertrauen, das Grenzen überwindet

Das Ende allen Befehlens und Rechthabens liegt in unserem Angewiesensein
"Sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund."
Eine Predigt zu Mt 8,5-13 - von Pfr. Gerd Krumbiegel. 

Der Predigttext:
Der Hauptmann von Kapernaum
Als aber Jesus nach Kapernaum hineinging, trat ein Hauptmann zu ihm; der bat ihn und sprach: Herr, mein Knecht liegt zu Hause und ist gelähmt und leidet große Qualen. Jesus sprach zu ihm: Ich will kommen und ihn gesund machen. Der Hauptmann antwortete und sprach: Herr, ich bin nicht wert, dass du unter mein Dach gehst, sondern sprich nur ein Wort, so wird mein Knecht gesund. Denn auch ich bin ein Mensch, der einer Obrigkeit untersteht, und habe Soldaten unter mir; und wenn ich zu einem sage: Geh hin!, so geht er; und zu einem andern: Komm her!, so kommt er; und zu meinem Knecht: Tu das!, so tut er's. Als das Jesus hörte, wunderte er sich und sprach zu denen, die ihm nachfolgten: Wahrlich, ich sage euch: Solchen Glauben habe ich in Israel bei keinem gefunden! Aber ich sage euch: Viele werden kommen von Osten und von Westen und mit Abraham und Isaak und Jakob im Himmelreich zu Tisch sitzen; aber die Kinder des Reichs werden hinausgestoßen in die äußerste Finsternis; da wird sein Heulen und Zähneklappern. Und Jesus sprach zu dem Hauptmann: Geh hin; dir geschehe, wie du geglaubt hast. Und sein Knecht wurde gesund zu derselben Stunde.


Liebe Gemeinde,
einen Vers aus dem heutigen Predigttext kennen wir besonders: „Herr, ich bin nicht wert, dass du eingehst unter mein Dach. Aber sprich nur ein Wort, dann wird meine Seele gesund.“
 Dieser Satz wurde bei uns und wird in der katholischen Kirche bis heute im Zusammenhang mit dem Abendmahl gesprochen. Vor dem Abendmahl hält man inne und spürt, dass hier im Grunde etwas Ungeheuerliches geschieht, Gott will in mein Leben kommen, will mich erfüllen und heil machen, dabei bin ich Menschlein es bei Licht betrachtet gar nicht wert; zu unaufgeräumt ist das eigene Leben, zu weit weggerannt bin ich innerlich von ihm, habe mein Ding gemacht und Gott links liegen lassen. „Doch sprich nur ein Wort Gott, dann wird meine Seele gesund.“ Der biblische Text wird hierbei etwas abgewandelt, denn an der Stelle, wo ich für „meine Seele“ bitte, da bittet der Hauptmann für seinen Knecht oder für seinen Sohn. Beide Übersetzungen sind gleichermaßen möglich.
  Und es ist insgesamt eine Geschichte, die Fragen aufwirft, die Jesus auch anders zeigt, als wir ihm manchmal begegnen. Gehen wir darum mit Jesus mit und halten den Film dieser Geschichte immer da an, wo Entscheidendes passiert: Als aber Jesus nach Kapernaum hineinging, trat ein Hauptmann zu ihm; der bat ihn und sprach: Herr, mein Knecht liegt zu Hause und ist gelähmt und leidet große Qualen. Jesus sprach zu ihm: Ich will kommen und ihn gesund machen.
 
Jesus hat gerade die Bergpredigt gehalten und nach dem mächtigen Wort folgen nun gleich mehrere Geschichten von mächtigen Taten Jesu. Insgesamt sieben Heilungsgeschichten in zwei Kapiteln. In unserer Geschichte kommt Jesus gerade in Kapernaum an, als ihm ein Hauptmann entgegentritt, und zwar nicht fordernd, nicht zwingend, was für den Hauptmann auch möglich gewesen wäre (man denke nur an das Wort der Bergpredigt: „Und wenn dich jemand nötigt eine Meile mit ihm zu gehen, so geh mit ihm zwei.“ 5,41), sondern der Hauptmann tritt auf als leise Bittender. Und diese Szene ist es wert, sie sich vors innere Auge zu malen: Der befehlsgewaltige Soldat mit Schwert und militärischer Staffage auf der einen Seite, der Wanderprediger mit Sandalen, Wanderstab und dem Straßenstaub auf der Kutte andererseits. Welch ein Gefälle der Macht und der Stellung!
  Da geschieht das erste Merkwürdige. Der Hauptmann befiehlt nicht, er bittet, genauer gesagt tut er nicht einmal das, er schildert die Not seines Knechtes und noch bevor er etwas bitten kann, sagt Jesus: „Ich will kommen und ihn gesund machen.“ Während Jesus anderswo fragt: „Was willst du, dass ich dir tun soll?“ Oder wo er einige Kapitel später die kanaanäische Frau (Mt 15,21ff), die ihm  hinterherschreit, nahezu ignoriert und im Wortgefecht ihren Glauben testet, da geht er hier ganz bereitwillig auf eine Bitte ein, die nur zwischen den Zeilen zu hören ist.
  Das können wir auf unsere Glaubenserfahrung übertragen: Der Jesus, den wir bitten müssen, um Hilfe und Heilung, den wir geduldig erinnern und wo wir im Gebet ringen müssen wie die bittende Witwe (Lk 18,1ff), der ist vielen von uns bekannt. – Nun, es gibt auch einen Jesus, der heilt, fast bevor wir es ausgesprochen haben.
  Und dann geschieht das andere Merkwürdige: Der Hauptmann und Jesus wechseln die Position. Er, der Befehlsgewaltige und Mächtige sagt: „Ich bin nicht wert, dass du unter mein Dach gehst.“ Gemeint ist hier, dass Jesus als Jude sich unrein machen würde so wie jemand in Quarantäne müsste, der sich im Haus eines Infizierten aufgehalten hat. Mit Betreten des heidnischen Soldatenhauses wäre Jesus unrein geworden und hätte in kultische Quarantäne gemusst. Daher die Bitte: „Sprich nur ein Wort, so wird mein Knecht gesund.“
  Freilich ist das äußerst riskant. Wenn ich von mir ausgehe, ich anstelle des Hauptmanns wäre froh gewesen über die Heilungszusage und hätte diese Zusage nicht durch einen Einwand in Gefahr gebracht. Denn der Hauptmann traut Jesus zwar viel, ja sehr viel zu – davon wird am Ende noch einmal berichtet – aber mit dieser Bitte um eine „Fernheilung“ durchs bloße Wort setzt der Hauptmann alles aufs Spiel. Er riskiert, dass Jesus vor versammelter Menge sagen müsste: „Fernhei­lung? Das geht nicht.“ Oder dass Jesus den so gesteigerten Schwierigkeitsgrad der Heilung zurückweist: „Das kann ich nicht!“ Und die Begründung des Hauptmanns ist interessant, sie stammt ganz aus dem militärischen Bereich. Denn auch ich bin ein Mensch, der einer Obrigkeit untersteht, und habe Soldaten unter mir; und wenn ich zu einem sage: Geh hin!, so geht er; und zu einem andern: Komm her!, so kommt er; und zu meinem Knecht: Tu das!, so tut er's. Nach dem Motto: Wenn schon ich kleiner Hauptmann Macht habe durch zugerufene oder zugebrüllte Worte Menschen in Bewegung zu setzen, um wieviel mehr hast du, Jesus, die Möglichkeit durch ein einziges Wort zu heilen.
  Jesus wird hier sozusagen als geistlicher Machthaber, als jemand, der im geistlichen Sinne Befehlsgewalt hat gesehen. Und dabei bleibt gleichzeitig eine Leerstelle. Darüber, was der Hauptmann von Jesus selbst hält, erfahren wir nichts. Dass er ihn für mächtig hält, das geht aus der Geschichte hervor, aber ist sein Glaube auch dahingehend vorhanden, dass er weiß, wen er hier eigentlich vor sich hat, dass er weiß, dass Jesus nicht nur gesund macht, sondern das Leben durch Vergebung und Neuanfang heilt? Dass Jesus Menschen in Verbindung bringt mit Gott? All das muss offen bleiben und wir können nur konstatieren, dass dort, wo wir Jesus vertrauen, da lässt er sich bewegen, auch unabhängig von der Vollständigkeit unseres Glaubens. Eben: „Sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund.“
  Als Jesus solch verwegenem Glauben begegnet – innerlich schimmert hier doch durch, dass der Hauptmann Jesus mit Gott in Verbindung bringt, denn Gott ist der einzige, der durch sein Wort etwas schaffen kann (1.Mose 1,1ff/Psalm 33,9) – als Jesus diesem Glauben begegnet, wundert er sich. Noch bevor für den Hauptmann das Wunder geschieht, wundert sich Jesus: Als das Jesus hörte, wunderte er sich und sprach zu denen, die ihm nachfolgten: Wahrlich, ich sage euch: Solchen Glauben habe ich in Israel bei keinem gefunden! Aber ich sage euch: Viele werden kommen von Osten und von Westen und mit Abraham und Isaak und Jakob im Himmelreich zu Tisch sitzen.
 
Jesus wundert sich über solchen Glauben. Und Jesus schließt einen Vergleich an, der vielsagend ist, Jesus spricht vom himmlischen Festmahl, zu dem viele – wenn auch nicht alle – eingeladen sind. Das Bild eines Festmahls ist der komplette Gegensatz zum Denken in Befehlsketten und Hierarchien. Wen ich an meinen Tisch lade und wer mich an seinen Tisch lädt, der sieht mich als seinesgleichen, da fallen die Unterschiede, da sitzen sich Partner gegenüber, da kann man einander nicht nur das Brot, sondern auch das Wasser reichen. Ja, so wird es im Himmel sein und so begegnet es uns schon hier auf Erden, u.a. im Abendmahl. Und deshalb hat das Abendmahl etwas, das die hiesigen Verhältnisse kritisiert und umkehrt: Wenn wir beim Abendmahl alle gleich (angesprochen) werden, dann heißt das doch, dass die „Kleinen“ erhöht werden und die „Großen“ auf eine Stufe mit den Kleinen gestellt werden. Und das heißt doch, dass hier keiner mehr berechtigt ist, dem anderen Befehle zu geben, da zählt nur noch die Bitte. Weil eben für uns alle gilt: „Ich bin nicht wert, dass du unter mein Dach gehst“; eben darum gibt es schon hier auf Erden keinen Grund mehr sich für etwas Besseres als den anderen zu halten oder ihm gar die Tür vor der Nase zuzuschlagen und ihn auszuschließen. Wieviel an zerstörerischer Kraft könnten wir aus den gegenwärtigen Auseinandersetzungen nehmen, wenn uns das bewusst wäre, diese Gleichheit der inneren Verfassung vor Gott, dieses gleiche Angewiesen sein auf sein Erbarmen. In Gottes Reich, das schon hier beginnt, da kommen die Hierarchien ins Wanken, da scheidet das Rechthaben wie das Rechtbehalten als letztes Ziel aus, das ja ebenfalls ein oben und unten herstellt.
  Vor Gott sind wir gleich, wenn auch nicht gleichartig, so doch gleichwichtig. Und wenn viele kommen werden von Osten und Westen und mit am Tisch Gottes sitzen werden, heißt das: da werden auch viele sitzen, die in unseren Augen Überraschungs­gäste sind, die wir da nicht erwartet haben, genau so wie dieser Hauptmann: Aber ich sage euch: Viele werden kommen von Osten und von Westen und mit Abraham und Isaak und Jakob im Himmelreich zu Tisch sitzen; 12 aber die Kinder des Reichs werden hinausgestoßen in die äußerste Finsternis; da wird sein Heulen und Zähneklappern.
  Wenn es im Reich Gottes viele Überraschungsgäste geben wird, dann wird auch die Überraschung groß sein, wen wir dort nicht antreffen: aber die Kinder des Reichs werden hinausgestoßen in die äußerste Finsternis; da wird sein Heulen und Zähneklappern.
  Liebe Gemeinde, es gibt sie in vielen Bibeltexten, Verse, bei denen in der Predigtvorbereitung die Frage auftaucht, wie man mit solch harten Aussagen umgeht. Und da gibt es nicht selten die Versuchung, diese Verse auszusparen oder inhaltlich zu umschiffen. Doch nicht selten steckt gerade in solchen Versen eine Wahrheit, ohne die unser Glaube auf Dauer nicht auskommt. Was mag uns dieser Vers also sagen? Zunächst möchte ich ein Missverständnis abwehren: Dieser Vers sagt nicht, dass Israel im Ganzen nun ausgeschlossen wäre. Jesus sagt ja selbst: „Solchen Glauben habe ich in Israel keinen gefunden.“ Das heißt doch: Glauben hat er in Israel gefunden, wenn auch keinen so schier grenzenlosen wie den des Hauptmanns. Und gegen eine solche Deutung spricht auch, mit wem man dort bei Gott zu Tisch sitzt, nämlich mit den Stammvätern Israels!
   Darum mögen wir die Bedeutung des Verses woanders suchen: Weil es im Himmel – wie wir gesehen haben – Überraschungsgäste geben wird, darum, so sagt dieser Vers, wird es im Reich Gottes auch keine reservierten Plätze geben. Da hat keiner ein Abo, da hat keiner mit seiner Kirchenmitgliedschaft im übertragenen Sinne das Badetuch über seinen himmlischen Liegestuhl geworfen und ihn so besetzt. Ja, dieses Wort ist eine Drohung und Mahnung, dass ich und du, dass wir uns nicht zu sicher sind! Auch 50 Jahre Kirchenmitgliedschaft sind keine Garantie im Himmel anzukommen. Die Garantie dafür gibt nur die Einsicht in die eigene Bedürftigkeit, verbunden mit dem unbedingten Zutrauen zu Jesus: Herr, ich bin nicht wert, dass du unter mein Dach gehst, sondern sprich nur ein Wort, so wird mein Knecht/meine Seele gesund. Darauf antwortet Jesus im letzten Vers in unserer Geschichte: „Dir geschehe, wie du geglaubt hast.“
  Wo wir so zu Christus sprechen, da geht er mit uns mit, und noch bevor wir genau sagen können, was wir brauchen, da ist er uns nahe, auch wenn der Glaube noch nicht alle dogmatischen Tiefen durchwandert hat; wo wir so zu Christus sprechen, da wird unsere Seele gesund. Und da geschieht eine zweite Umkehrung: aus denen, die Hauptmänner über das eigene Leben waren, werden zuerst die, die ihre grundsätzliche Angewiesenheit auf Gott erkennen; und aus denen, die im Blick auf das, was sie selbst vorzuweisen haben, unwürdig sind, werden durch solches Vertrauen nun Gotteskinder mit einem Platz an Gottes Tisch: "Viele werden kommen, von Osten und von Westen und zu Tisch sitzen im Reich Gottes, darum sprich nur ein Wort, Herr, so wird meine Seele gesund. Und Jesus sprach zu dem Hauptmann: Geh hin; dir geschehe, wie du geglaubt hast.“   Amen.
  Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.

Verwendete Literatur: Gerd Theißen, Erlösungsbilder. Predigten und Meditationen, S. 77-81. Stephan Goldschmidt, Die Seele zum Klingen bringen. Zur Predigtreihe IV, S. 43. Michael Meyer-Blanck, Göttinger Predigtmeditationen, 76. Jahrgang, Heft 1, S. 120-125.

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Sprechzeit: montags 14.00-15.00 Uhr
in Hainewalde auf der Bergstraße 27
 
Öffnungszeiten des Pfarramtes
Großschönau, Hauptstraße 55: Di. und Do. 8.30 – 12.00 Uhr
und 14.00 – 17.30 Uhr
Hainewalde, Bergstr. 27: Montag 15.00 – 17.00 Uhr
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Waltersdorf Dorfstraße 75: Mittwoch 14.30 – 16.30 Uhr

Friedhofsangelegenheiten Hainewalde: Herr Andreas Großer Montags 15.00-17.00 Uhr im Hospital, am Kirchberg 6, in Hainewalde

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